Rückblick:"250 Jahre Steinerne Brücke zu Weilburg an der Lahn"

Der Geschichtsverein Weilburg veröffentlicht hier die Rede seines Schriftführers, Bürgermeister a. D. Hans-Peter Schick zu "250 Jahre Steinerne Brücke zu Weilburg an der Lahn"

Weilburg, Steinerne Brücke (Quelle: Dguendel, Wikimedia)
Weilburg, Steinerne Brücke (Quelle: Dguendel, Wikimedia)

Hans – Peter Schick

Weilburg an der Lahn

 

 

250 Jahre Steinerne Brücke zu Weilburg an der Lahn

„Weilburger Brücken – von der Steinernen Brücke bis zur Oberlahnbrücke“

Vortrag:        Samstag, 5. Oktober 2019, 11.00 Uhr

                        Galerie der Kreissparkasse Weilburg

 

 

                                               Brücken verbinden, bringen uns weiter:

Man kann Ufer verlassen und neue Ufer erreichen!

 

Sehr geehrter Herr Direktor Stephan Gürtler,

sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch,

sehr geehrter Herr Vorsitzender Matthias Losacker,

 

seit weit über 700 Jahren verbinden Brücken die Taunus- und die Westerwald-seite unserer Stadt Weilburg an der Lahn. Nach zuvor hölzernen Brücken ließ Graf Johann I. von Nassau-Weilburg 1359 die erste Steinerne Brücke errichten, diese Brücke wurde 1408 durch Hochwasser und Eisgang zerstört, ihre Nachfolgerin erlitt 1552 das gleiche Schicksal. Graf Philipp III. (1504 – 1559) ließ dann wieder eine neue Steinerne Brücke errichten, die im Winter 1698/99 beschädigt und durch ein Unwetter in der Neujahrsnacht 1763/64 dann nahezu vollends zerstört wurde. Ursache war sicherlich jeweils die zu hoch angesetzte Gründung der Brücken. Unter Fürst Carl Christian von Nassau-Weilburg (1735 – 1788) wird dann 1765 bis 1969 die heute noch stehende vierte Steinerne Brücke errichtet; mit dem Bau wurde der Bauinspektor Johann Friedrich Sckell beauftragt. 

 

Der Schlussstein im Mittelfeld der Brücke wurde am 7. Oktober 1769 gesetzt. Über diesen denkwürdigen 7. Oktober berichtet der Bauinspektor Sckell:

„Der einigermaßen konträren Witterung ohngeachtet ist in dieser Woche und zwar heut Mittag gegen 2 Uhr durch Anwendung des äußersten Fleißes nun auch der letzte Brückenbogen glücklich und ohne dass jemand von denen daran Arbeitenden verunglückt oder sonsten Schaden genommen hat, geschlossen worden. Wo die beiden Handwerker der Steinhauer und Maurer nebst denen übrigen Arbeitern auf ihr eigenes Veranstalten unter Vorgehung einer Bande Musikanten, um den letzten Schlussstein abzuholen, in processione nach der Steinhauerhütte zogen, und als derselbe ausgeladen und ein Maurer mit in Hand habendem und mit Bändern gezierten Strauß sich auf denselben gesetzet, derselbe unter vielem Frohlocken zur Stelle bracht, sofort gehörig eingesetzt und von einem Maurer der Gewohnheit nach ein Spruch gesagt worden war, so wurde von sämtlichen Handwerkern und Arbeitern das Lied „Nun danket alle Gott“ unter Beistimmung der Musikanten abgesungen. Während diesem actu nun fuhr der sehr schwer beladene und mit 6 Personen besetzte Postwagen, von Limburg kommend, an welchem der hießige Posthalter Hofmann vorging und sofort die bereits mit Sand beschüttete Brücke zu aller Anwesenden innigster Freude, zum ersten Male passierte. Worauf dann die beiden Handwerker der Maurer und Steinhauer, um das von dem Herrn Kammerrates Thomae wohlgeboren ihnen der Gewohnheit nach gütigst ausgesetzt zu verzehren in processione nach dem Wirtshaus „Zum grünen Baum“ zogen und sich hierbei einigermaßen belustigten. Künftig wird nun an der zurückgebliebenen Steinmauer und Verdachung der Pfeiler solange es die Witterung zulassen fortgearbeitet, die Pritsche abgelegt und das Bogengehölz zum Versteigern auf Seite gebracht werden.

Weilburg, d. 7., Oktober 1769   Sckell“

 

 Die Verkehrsfreigabe erfolgte am 13. Oktober 1769, und zwar nach dreimaliger Bekanntmachung in der „Frankfurter Kayserlichen Oberpostamtszeitung“. In den Folgejahren bis 1789 wurden noch die Brüstungen, die Flügelwände an den Widerlagern und die beiden Brückenhäuschen geschaffen und die Fahrbahn gepflastert. Das Postgebäude wurde 1786/87 errichtet.

 

Heute können wir auf 250 Jahre Steinerne Brücke zurückblicken. Die Brücke ruht, ja steht auf 600 Buchenstämmen und einem Rost aus Eichenbalken und trägt von Beginn an bis heute jeglichen Straßenverkehr, war bis 2005 Teil der Bundesstraße 456, ehe die Oberlahnbrücke diese Funktion ablöste.

 

Am 27. März 1945 sprengte die Deutsche Wehrmacht den Ernst-Dienstbach-Steg (militärstrategisch höchst bedeutsam oder?), die Eisenbahnbrücke und die Steinerne Brücke (zwei Bogen), jeweils jedoch so unvollkommen, dass alle drei Brücken zeitnah wiederhergestellt werden konnten. Einzig das Friedensdenk-mal auf der Steinernen Brücke kehrte erst 2006 wieder zurück. Diese Sprengungen wenige Tage vor Ende des II. Weltkrieges sprechen für die Verblendung, die im Krieg und in dieser Zeit herrschte.

 

Die Steinerne Brücke weist bei fünf Bogen eine Gesamtlänge von 83 m auf, die Breite zwischen den Brüstungen beträgt 8,65 m. Alle Sicht- und Bogenunter-flächen bestehen aus einem sehr regelmäßig behauenen rot gefärbten Schalstein (verschieferter Diabas- oder Keratophyr-Tuff des Devon) aus dem Steinbruch im Schellhof. 1988 wurden umfassende Instandsetzungsarbeiten bei Vollsperrung an der Steinernen Brücke durchgeführt und zwar mit einem Kostenaufwand von rund 1,32 Millionen DM, einschließlich den Kosten für die Behelfsbrücken für Kraftfahrzeuge und Fußgänger.

 

Seit nunmehr 250 Jahren bestimmt die Steinerne Brücke das Leben in Stadt und Region, prägt das Stadtbild Weilburgs gemeinsam mit der Schlossanlage und der Lahn. Mit der Verkehrsfreigabe der Oberlahnbrücke am 22. Dezember  2004 wurde die alte Stadtdurchfahrt von der Bundesstraße B 456 auf eine Ortsstraße abgestuft und damit auch die Steinerne Brücke, ebenso übrigens auch das Landtor, alles wurde Eigentum der Stadt.

 

Mit der Ausstellung „Weilburger Brücken – von der Steinernen Brücke bis zur Oberlahnbrücke“ präsentieren wir vom Geschichtsverein Weilburg insgesamt gleich 14 Brücken, davon allein 10 Lahnbrücken. Weilburg - die Stadt am Fluss, ja die Stadt im Fluss!

 

Folgen wir der Lahn flussabwärts:

 

Die Ahäuser Brücke wurde 1912, 1949 und 1999 jeweils neu errichtet, das heißt, in 30 Jahren ist eine neue Ahäuser Brücke wieder zu bauen, daher sollte bei der heutigen Bürokratie und  den heutigen Egoismen das Baugenehmi-gungsverfahren in 10 Jahren beginnen. Zwei herausragende Verträge zwischen der Stadt Weilburg und dem Land Hessen zeigen wir zum Bau der Ahäuser Brücke 1999: Zum einen den Vorfinanzierungsvertrag vom 3. Juni 1998, und zum anderen die Rückzahlungsvereinbarung vom 5. Juli 2000. Denn die Stadt Weilburg hat dem Land Hessen den Bau der landeseigenen Brücke im Zuge der L 3025 mit 9,5 Millionen DM vorfinanziert; in dieser Form einmalig in der Geschichte des Landes Hessen. Die Vorfinanzierung erfolgte im Zusammen-wirken von Stadt, Weilburger Lackfabrik, heute Weilburger Coatings, und Kreissparkasse Weilburg; sie war entscheidend für den Verbleib der Lackfabrik in Weilburg, denn ohne neue Brücke wäre das Unternehmen für LKW-Verkehr nicht mehr erreichbar gewesen. 1998 hatte der Straßenbau in Hessen keinen Stellenwert, der Vertrag erfolgte am Landeshaushalt vorbei, seitens der Stadt war alles eine Frage der Zivilcourage mit Augenmass!

 

Auf Höhe der Walderbacheinmündung in die Lahn wurde 1864 zum Erreichen der Verladestation für Eisenerz ein Eiserner Steg übe die Lahn geschaffen, der in späterer Zeit nach Löhnberg wanderte und Vorläufer des heutigen Stegs zwischen Löhnberg und Selters wurde. Weilburg hat Selters immer geholfen, bis heute!

 

Als dritte Brücke auf unserer Reise ist die Eisenbahnbrücke im Zuge der Lahn- talbahn zu nennen, zunächst 1862 eingleisig und 1875 zweigleisig mit vier Türmen als Portale, je zwei auf jeder Seite, einst ein imposantes Bauwerk, heute eine traurige Gestalt, Zeugnis des Engagements der DB AG im ländlichen Raum.

 

Vor dem Schiffstunnel findet sich dann im Zuge des Ahäuser Weges die nächste Brücke, früher im Zuge einer Landesstraße, heute auch eine Stadtstraße.

 

Die Verkehrsfreigabe für unsere nächste Brücke, die Oberlahnbrücke erfolgte am 22. Dezember 2004. 1. Spatenstich für den Bau der Teilortsumgehung mit Oberlahnbrücke, Mühlbergtunnel, Parkhaus, Postplatz und König-Konrad-Platz war am 27. Oktober 2000 gewesen. Baulich fertig gestellt wurde die Gesamt-anlage unmittelbar vor dem 45. Hessentag im Juni 2005 in Weilburg. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 22 Millionen €; hiervon hatte die Stadt nur 1,3 Millionen € zu zahlen, die vom Land Hessen als zinsloses Darlehen gewährt wurden, alle anderen Kosten zahlten letztendlich Bund und Land. Mit dem in der Ausstellung präsentierten 200 Seiten starken Planfeststellungsbeschluss war am 22. November 1999 nach einem jahrzehntelangen Weg mit einem fürwahr starken, energischen und erfolgreichen Schlussspurt ab 1994 Baurecht geschaffen worden, die Finanzierung wurde binnen weniger Monate im Juni 2000 sicher gestellt. Stadtverordnetenvorsteher Norbert Dieth und ich haben im Herbst 1993 im Schlossgarten ein für die Weilburger Kommunalpolitik und die Stadtentwicklung sensationelles Gespräch geführt und anschließend konsequent für unsere gemeinsamen Ziele gemeinsam gearbeitet, Norbert kümmerte sich vor Ort um die Politik und ich kümmerte mich um Baurecht, Grunderwerb, Finanzierung, Baubeginn und Baudurchführung.

Die Oberlahnbrücke ist übrigens das erste integrale Brückenbauwerk des Landes Hessen, das heißt ohne höhenverstellbare Auflager und damit in der Bewirtschaftung kostengünstiger.

 

Es folgt die Jubilarin, unsere Steinerne Brücke. Die war 1988 umfassend saniert worden, dazu war sie gesperrt und der Verkehr wurde über eine Notbrücke zwischen Odersbacher Weg und Hainweg geführt; die Kosten der Sanierung einschließlich Verkehrsführung beliefen sich auf 1,32 Millionen DM.

 

Die nächste Brücke ist der Ernst-Dienstbach-Steg aus dem Jahre 1934, Nachfolger der Kettenbrücke im Rahmen der barocken Wasserversorgung.

 

Erwähnung verdient auch die Pontonbrücke oberhalb des Rollschiffes, die beim Hessentag 2005 die Straße „Im Bangert“ mit „Natur auf der Spur“ zwischen Hauseley-Felsen und Jugendzeltplatz verband. Mit Peter Maffey ging ich beim Hessentag über diese Brücke, „Über 7 Brücken musst Du gehen“.

 

Den Reigen der Weilburger Lahnbrücken beschließt dann die Brücke zwischen Kirschhofen und Odersbach aus den Jahren 1977 und 1978, die im kommenden Jahr umfassend saniert werden muss. Eine Brücke, über deren Nutzung beim Bau keine Klarheit herrschte und für die dann später, fast schon zu spät Entscheidungen getroffen werden mussten, eine Brücke, nichts Halbes und nichts Ganzes.

 

Im Bereich der Weil verdienen drei Brücken eine Erwähnung, zum einen die beiden Brücken im Bereich der Weilmündung und die Weilbrücke im Laufe des Weiltalradweges, die 2016 umfassend saniert wurde.

 

Zwei weitere Brücken darf ich zum Abschluss der Weilburger Brückenreise noch nennen, die Sie ebenfalls in der Ausstellung finden: Zum einen ein historisches Foto von der Brücke im Zuge der Spielmannstraße auf Höhe von Timmers Weiher und schließlich die Brücke im Zuge der B 456 im Bereich der Ein-mündung in die B 49, die 1999 erneuert wurde, nachdem ich gemeinsam mit der damaligen Bundestagsabgeordneten Frau Bärbel Sothmann wenige Wochen vor der Bundestagswahl 1998 beim damaligen Bundesverkehrs-minister Matthias Wissmann erfolgreich interveniert hatte.

 

Brücken sind notwendig, ja lebensnotwendig, für die Menschen, die Wirtschaft und das Leben einer Stadt und Region, sie bringen zusammen, sie fördern.

Vielleicht verdeutlicht dies am klarsten eine Aussage von Frau Folsche (Bäckerei Folsche Weilburg). Einige Wochen nach der Verkehrsfreigabe der Oberlahn-brücke bedankte Sie sich bei mir und sagte: „Dank der Brücke spare ich jetzt täglich eine Stunde an Zeit beim Beliefern unserer Filialen.“; das bedeutet 6 Stunden mehr frei verfügbare Zeit in der Woche. Und ein Zweites will ich ansprechen: Seit 1966 ist Weilburg Luftkurort, aber mit der Oberlahnbrücke haben sich die Luftwerte noch einmal deutlich weiter verbessert zum Wohle der Menschen und der Natur.

 

Herzlich danke ich unserer Ausstellungsarbeitsgruppe beim Geschichtsverein Weilburg mit Volker Vömel, Peter Krauß, Werner Richter, Frances Wharton und Gerhard Pauligk, in der ich mitarbeiten durfte, es war eine einzige Freude, auch wenn es nach „l’esprit d’architecture – Bauen im Barock in Weilburg“ bereits die zweite große Ausstellung unseres Vereins in diesem Jahr ist. Danken darf ich Frau Anne Schamp und Herrn Eike Dillenberger für die großartige Unter-stützung sowie der Kreissparkasse Weilburg für die Gastfreundschaft. Und der Stadt Weilburg, Herrn Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch danke ich herzlich, dass ich noch einmal an meine alten Unterlagen zu Ahäuser Brücke (Finanzierungsverträge) und zu Oberlahnbrücke/Teilortsumgehung (Planfeststellungsbeschluss und grundlegenden Plan) durfte, mir aus vielen Jahren der Arbeit bestens vertraut, für die Öffentlichkeit jetzt aber eigentlich neu.

 

Und 15 Jahre ist verdammt lang her, viele wissen nicht mehr, wie chaotisch die Weilburger Verkehrsverhältnisse an der Kreuzung Frankfurter Straße/ Mühlberg/Ahäuser Weg und in der Niedergasse sowie der Altstadtdurchfahrt überhaupt waren. Mit einer Heizöllieferung in der Mauerstraße konnte man den Verkehr einer ganzen Region für Stunden lahm legen. Oberlahnbrücke und Mühlbergtunnel sind ein Segen für unsere Heimatregion.

 

Ich danke für die Aufmerksamkeit. Der Steinernen Brücke wünsche ich, dass sie noch viele Jahrhunderte den Menschen dienen kann und der Ausstellung wünsche ich weiterhin das verdiente Interesse bei den Menschen in Stadt und Region.

 

Weilburg an der Lahn, 5. Oktober 2019

 

Hans – Peter Schick

Schriftführer des Geschichtsvereins Weilburg

Bürgermeister a.D.

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