Rückblick: Rede 190 Jahre MGV „Liederkranz“ 1829 Weilburg e.V.

Der Geschichtsverein Weilburg veröffentlicht hier die Rede seines Schriftführers, Bürgermeister a. D. Hans-Peter Schick zum Jubiläum des befreundeten Vereins im November 2019

Hans – Peter Schick

Weilburg an der Lahn

 

 

190 Jahre Männergesangverein „Liederkranz“ 1829 Weilburg e.V.

Akademische Feierstunde:          Samstag, 2. November 2019, 19.00 Uhr,

                                                           Aula Komödienbau Weilburg

Festansprache

 

 

                                                           „Wo man singet, lass dich ruhig nieder,

                                                           Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;

                                                           Wo man singet, wird kein Mensch beraubt,

                                                           Bösewichte haben keine Lieder.“

                                                                       Johann Gottfried Seumes (1763 – 1810)

                                                                       Schriftsteller und Dichter

                                                                       im Gedicht/Volkslied „Die Gesänge“

                                                                     

 

 

Sehr geehrter Herr kommissarischer Vorsitzender Hans Schmidt,

sehr geehrter Herr Sängerkreisvorsitzender Peter Sussiek,

sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Johannes Hanisch,

sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Tobias Eckert,

sehr geehrter Herr Kreisbeigeordneter Karl-Heinz Stoll,

werte Sangesfreunde,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

Tradition ist Fundament, Gegenwart ist Leben, Zukunft ist Ziel. Der Männer-gesangverein „Liederkranz“ 1829 Weilburg ist der fünfälteste Gesangsverein in Hessen und kann auf 190 Jahre Vereinsleben zurückblicken, mit großer Dankbarkeit, aber auch mit Stolz. 190 Jahre sind fürwahr eine herausragende Leistung, und so gebührt den Vorständen, den Sängern und den Mitgliedern Dank und Anerkennung.

 

Gleichzeitig aber verpflichtet dieses Fundament, Verein und Chor heute zu leben, damit der 190. Geburtstag ein Meilenstein ist, das nächste Ziel aber sollte, ja muss lauten: Feier des 200.Geburtstages. Und bis dahin sind es keine zehn Jahre mehr; von den 73.050 Tagen liegen 69.397 bereits hinter uns, nur noch 3.348 Tage sind es bis zum Jahr 2029. Übrigens, die Feier des 200. Geburtstages sind wir auch unseren Vorfahren im Verein schuldig, denn die haben in weit schwierigeren Zeiten die Fahne des Vereines hochgehalten, so allein in und nach vier Kriegen (1866, 1870/71, 1914 – 1918 und 1939 – 1945).

 

Der Gesang der Chöre schenkt den Menschen Freude, Trost und Kraft. Musik und Gesang sind Weltsprachen, sie brauchen keine Übersetzung, sie führen Menschen zusammen, stärken Gemeinschaft. Wenn die Sprache die Menschen nicht mehr weiter bringt, dann fangen Musik und Gesang erst an. Wir Weilburger leben in einem europäischen Haus, das in einem globalen Weltdorf steht, und da ist es gut, dass Gesang und Musik den Geist in Haus und Dorf sowie unserer Stadt mitprägen, ja mitbestimmen. Vielleicht sollten unsere sogenannten großen Politiker mehr gemeinsam singen, dann erhalten wir auch wieder bessere politische Ergebnisse.

 

1829, das Jahr, in dem der Männergesangverein „Liederkranz“ Weilburg gegründet wurde: Weilburg zählte rund 2.200 Einwohner, die Stadt wuchs zusehends auf der unteren Westerwald- und der unteren Taunusseite (Limburger und Frankfurter Straße, Bahnhofstraße), Stadtschultheiß war Adolf Rohs (1821 – 1840), Herzog Wilhelm (1792 – 1839) führte das Herzogtum Nassau, auch heiratete Herzog Wilhelm in diesem Jahr als zweite Frau Pauline von Württemberg, die so überaus beliebte Prinzessin Henriette zu Nassau-Weilburg verstarb am 30. Dezember in Wien, das Gymnasium Philippinum, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts “Demokratenschmiede“ genannt, zählte rund 150 Schüler.

 

2019 stellt sich das Vereinsleben des Männergesangvereins „Liederkranz“ 1829 Weilburg folgendermaßen dar: Regelmäßige Chorproben, zunächst noch mit dem Chorleiter Karl Glaßner, jetzt mit Jacob Winter, Singen beim Großmütterchenkaffee im Weilburger Stift, aber auch beim Volkstrauertag auf dem Weilburger Friedhof, Jahreshauptversammlung des 80 Mitglieder starken Vereins und Grillfest am Bootshaus sowie der Vereinsstand auf dem Weilburger Weihnachtsmarkt. Nach den Chorproben ist das Skatspielen stets eine große Freude für einige Sänger. Den Vorstand bilden: Hans Schmidt (kommissarischer Vorsitzender), Roland Nürnberger (Schatzmeister), Hans-Peter Schick (Schriftführer), Helmut Haybach (Beisitzer) und Werner Walter (Beisitzer). Erfolgreich arbeitet der Verein nunmehr mit der Kreismusikschule Oberlahn mit deren Leiter Dr. Martin Krähe, dem neuen Chorleiter Jacob Winter und dem Spielmannverein für Theater, Musik, Kunst, Technik und Medien Weilburg an der Lahn zusammen. Insgesamt hat sich die Atmosphäre in den letzten Wochen und Monaten erfreulich und Mut machend entwickelt.

 

Das Singen im Chor hat auch eine soziale Dimension: Die Mitglieder erleben Gemeinschaft mit Gleichinteressierten, mit Menschen aus ihrem Ort, mit Menschen, die sie kennen bzw. kennen lernen. Bei meiner Mutter, die über 65 Jahre in einem Chor gesungen hat, erlebte ich insbesondere im Alter die Bedeutung der Chorprobe: Die Woche gliederte sich in zwei Teile, und zwar die Tage vor der Chorprobe und die Tage nach der Chorprobe. „Alles kann der Mensch entbehren, nur den Menschen nicht“. (Ludwig Börne, 1786 – 1837, Journalist)

 

Beeindruckend ist für mich immer wieder erleben zu dürfen, welche Kameradschaft und Disziplin unter den Sängern im „Liederkranz“ herrscht. Chorproben und Auftritte gehen allen anderen Verpflichtungen vor. Erst kommt der „Liederkranz“ und dann alles andere. Die wöchentlichen Treffen bei der Chorprobe schaffen eine besondere Vertrautheit, ein besonderes Miteinander, man verlässt sich aufeinander, man kennt sich.

 

Ebenfalls bewundernswert ist, wie die Ehefrauen der Sänger Chor und Verein unterstützen. Ohne ihre Frauen wären die Sänger arm dran, ob beim Grillfest, bei der Jahreshauptversammlung, mit dem Verständnis für die Chorproben und Auftritte etc. Daher ein herzliches „DANKESCHÖN!“ an die Ehefrauen.

 

Der Männergesangverein „Liederkranz“ 1829 Weilburg ist einer der vier ältesten Weilburger Vereine, nach der Bürgergarde der Stadt Weilburg (1813) und vor dem Turnverein Weilburg (1848) sowie dem Kur- und Verkehrsverein Weilburg (1860). Die damalige Zeit war von Aufbruch geprägt, vom Geist der Freiheit und der Selbstbestimmung, aber auch dem Verantwortungsbewusst-sein für das gemeinsame Leben vor Ort; dies drückte sich landauf, landab auch in der Gründung von Vereinen aus, aber auch in dem Einsatz für demokratische Gedanken in Politik und Gesellschaft. In den Jahren 1848/49 wird der „Liederkranz“ als „Hort der Demokraten“ bezeichnet, ja man machte sogar aufmerksam auf „politisch Verdächtige“ in Weilburgs „Liederkranz“.

 

Am 20. Juli 1852 schrieb Weilburgs Bürgermeister Wilhelm Schmidt an Kreisamtmann Friedrich Halbey: „Schon seit langen Jahren besteht dahier ein Gesangverein junger Leute, der es sich früher besonders zur Hauptaufgabe machte, bei kirchlichen Festen der Protestantischen Gemeinde mitzuwirken. … Bis zum Jahr 1842 blieb dieser Verein allen politischen Tendenzen fern, von dieser Zeit an suchten aber Demagogen ihn zu ihren Zwecken zu benutzen, ohne dass die Mehrheit der Glieder des Vereins etwas Schlimmes dabei ahnten. … Der Gesangverein hat in diesen Tagen nicht allein zur Ehre und zum Ruhm der vielgepriesenen Freiheit gesungen, sondern auch, was ich ihnen nicht anders nachsagen kann, zur Feier der Anwesenheit Sr. Hoheit des Herzogs sowie zu Geburtstag und sonstigen Feierlichkeiten der Erlauchten Glieder des Herzoglichen Hauses. Seine Bestimmung blieb aber immer Übung des Gesangs und von Politik war bei ihnen keine Rede.

 

1829 wird auf Initiative von Pfarrvikar Johann Jakob Ludwig Hofmann der Verein gegründet, zunächst als Gemischter Chor, dann aber ab 1842 als Männergesangverein. Bereits ab 1840 führt der Verein den Namen „Liederkranz“.

 

28 Chorleiter zählt der Verein in seiner Geschichte, von Kantor J. Ph. P. Christfreund (1829 – 1842) über Jakob Mankel (1901 – 1903) und Hermann Schupbach (1936 – 1977) bis jetzt Jacob Winter (2019 -). Stellvertretend für alle Vorstandsmitglieder in den 190 Jahren darf ich Fritz Zilliken nennen, der von 1923 bis 1947 in schwerster Zeit als Vorsitzender wirkte, sowie Willi Heinen, der von 1959 bis 1984 den Verein führte.

 

1924 zählte der MGV „Liederkranz“ 108 aktive Sänger. Herausragende Ereignisse im Leben des „Liederkranz“ waren neben den Stiftungsfesten aus Anlass des 25-, 50-, 75-, 100-, 125-, 150 und 175-jährige Vereinsbestehens vor allem die Sängerfeste des Lahnbundes, von denen der MGV gleich mehrere seit 1847 in Weilburg ausrichtete. 1954 erhielt der „Liederkranz“ die Silberne Ehrenplakette im Auftrag des Hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn.

 

Spannend ist festzustellen, dass der „Liederkranz 1924 108 aktive Sänger zählte, gleichzeitig aber auf Grund der Wirtschaftskrise die Zahl der inaktiven Mitglieder von 130 auf 47 sank. Nach dem II. Weltkrieg zählte der Chor 63 aktive Sänger. Die wirtschaftliche Situation und die Lebenswirklichkeit haben großen Einfluss auf soziales Verhalten der Menschen, auf Gemeinschaft, auf Vereinsleben. Heute geht es den Menschen zu gut, daher steckt das Ehrenamt in der Krise.

 

Stets sang der Chor bei kirchlichen und weltlichen Veranstaltungen. Oftmals veranstaltete der „Liederkranz“ Konzerte zugunsten sozialer Aufgaben, so bereits 1841 „für die hiesigen Armen“, 1876 für das örtliche Spital, 1921 für den örtlichen Krankenpflegeverein, 1923 für den Rentnerbund mit dem Ergebnis von über 20 Billionen Mark (20.473.500.000.000 Mark) oder 1936 zugunsten des Winterhilfswerks, um einige Beispiele bereits aus früherer Zeit zu nennen, bis heute, und so auch in wenigen Tagen am 16. November beim Großmütterchenkaffee im Weilburger Stift.

 

Das weltweit einmalige Weilburger Tunnelensemble ist ebenfalls mit dem Männergesangverein „Liederkranz“ Weilburg auf das Engste verbunden. Denn nur der „Liederkranz“ hat bei allen drei Verkehrsfreigaben 1847 (Schiffstunnel), 1862 (Eisenbahntunnel) und 2004 (Straßentunnel) die Feierstunden gesanglich mit gestaltet.

 

Ein fürwahr großer Schatz des Männergesangvereins sind die Notensätze aus 190 Jahren.

 

1989 anlässlich der 160-Jahrfeier wird dem Verein die ZELTER-Plakette verliehen, die höchste Auszeichnung für Chöre; die Urkunde ist unterzeichnet von Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Karl-Friedrich Zelter gründete 1809 mit der Berliner „Liedertafel“ den ältesten deutschen Gesangverein. Im 19. Jahrhundert machten es sich die Gesangvereine zur Aufgabe „vor dem Volk, mit dem Volk und für das Volk durch Chorgesang Freude zu stiften“. Zu aller Zeit kam und kommt man in den Chören nicht nur um des Singens willen zusammen, sondern nicht zuletzt auch wegen der einigenden Kraft, die Begegnungen von Mensch zu Mensch.

 

Natürlich wirkte der Verein auch an der Gestaltung des 45. Hessentages 2005 in Weilburg mit. Ganz besonders hervorheben und würdigen muss ich das fast sechzigjährige Wirken für den europäischen Gedanken, das Zusammenleben im gemeinsame europäischen Haus mit zahlreichen Begegnungen mit Chören und Musikfreunden aus Privas, Zevenaar, Tortona und Kezmarok; bis heute pflegen Sänger noch persönliche Kontakte in Partnerstädte.

 

Zur 150-Jahrfeier 1979 heißt es in der Festschrift: Dass der „Liederkranz“ noch lange im kulturellen Leben Weilburgs vertreten sein wird, dafür sorgen auch schon seine Statuten: „Die Auflösung des Vereins kann nur dann erfolgen, wenn die Zahl der aktiven Mitglieder dauernd unter vier gesunken ist.“ Und so weit wird es ja wohl (auch in den nächsten 150 Jahren) nicht kommen! Soweit aus der Festschrift 1979. Damals gehörte bereits unser heutiger kommissarischer Vorsitzender Hans Schmidt dem Vorstand des MGV „Liederkranz“ an. Hans Schmidt ist nicht erst heute das Rückgrat unseres Vereins.

 

Wir haben ein Ziel: Den Männergesangverein „Liederkranz“ 1829 Weilburg  weiter zu leben mit Gesang und Geselligkeit, mit Verantwortung für uns und unsere Heimat, unsere Stadt Weilburg an der Lahn. Natürlich dürfen wir nicht blind sein vor manchen Wirklichkeiten, aber mit neuen Partnern wie Kreismusikschule, Spielmannverein, anderen Vereinen und neuem Elan kann eine Zukunft gewonnen werden. Vielleicht ist es aber auch ein Weg, als Verein mit qualifizierter Leitung einen neuen Kinder- oder Jugendchor aufzubauen oder einen bestehenden zu fördern.

 

Eine kleine Geschichte, die auch uns Mut für die Zukunft machen kann: Nach den Gesetzen der Physik kann eine Hummel nicht fliegen. Die Hummel weiß das aber nicht – sie fliegt einfach. Das hat ein Physiker ausgerechnet. Er errechnete es auf einem Bier-Deckel in einer Gaststätte. Das war um das Jahr 1930. Später stellte er fest, dass er falsch gerechnet hatte. Doch da hatte sich diese Nachricht schon überall herumgesprochen. Bis heute ist es ein Mut-mach-Spruch: Wer nicht an Grenzen denkt, kann viel erreichen! In diesem Sinne lasst uns den 190. Geburtstag feiern und den 200. gemeinsam anstreben. Denn, wenn wir unterwegs sind, wird der Weg immer kürzer, leichter, das Ziel rückt immer näher und wird plötzlich Wirklichkeit.

 

Schließen darf ich mit einem Wort, das man Martin Luther zuschreibt: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang!“ Wie wahr!

 

Weilburg an der Lahn, 2. November 2019

 

 

Hans-Peter Schick

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