Die Geschichte der Neugasse

Wie andernorts wurde auch in Weilburg eine der wichtigsten Straßen im April 1933 nach dem „Führer“ benannt. So wechselte die heute über 300 Jahre alte „Neugasse“ für einen relativ kurzen Zeitraum bis zum April 1945 ihren Namen in „Adolf - Hitler- Straße“.


Der Ausdruck "Gasse" wurde beibehalten


Schnell besann man sich dann wieder auf die Geschichte der Straße und behielt selbst den keineswegs zutreffenden Ausdruck „Gasse“ bei. In der mittelalterlichen Befestigungsanlage Weilburgs war der Eingang von der Lahnbrücke her am unteren Ende der „Langgasse“. Ein beschwerlicher Weg in die Burg und später in das entstehende Schloss führte über den Felsen an der „Ritsche“ steil bergauf. Um leichter in die größer werdende Siedlung mit dem Grafenschloss gelangen zu können, wurde dieser Felsen teilweise weggesprengt und eine sanft ansteigende Zufahrt außerhalb der Mauer angelegt. Auf der Höhe angekommen traf sie auf die entlang der heutigen Straße „Über dem Hainberg“ verlaufende Stadtmauer. Ein Durchbruch hier öffnete einen neuen Weg in die Stadt.


Einheitliche Häuserfront in der "Prachtstraße"


Durch seine 1699 erlassene Bauordnung hatte Graf Johann Ernst die Möglichkeit, eine einheitliche Häuserfront zu fordern. Nach den Plänen Rothweils entstand eine Prachtstraße, beiderseits eingefasst von zweistöckigen Fachwerkbauten mit Zwerchgiebeln und einer kleinen Freitreppe vor dem mittig angeordneten Eingang. Das wertvolle Holz wurde durch vorgesetzte Schieferfassaden geschützt. An einer Reihe von Häusern ist das ursprüngliche Fachwerk freigelegt. Der aufmerksame Betrachter kann sehen, dass es wohl nur selten eine derartige Einheitlichkeit des Aufbaus entlang einer ganzen Straße gibt, wie sie hier zu sehen ist. Die Hausecken an der Kreuzung mit der „Langgasse“ wurden ausgeschmückt mit ebenfalls freigelegten gedrehten und geschnitzten Holzsäulen.


Graf Johann Ernst schuf die noch in Grundzügen erhaltene Altstadt


Der ab 1675 in Weilburg regierende Graf Johann Ernst (1664 – 1719) schuf bekanntermaßen die heute noch in ihren Grundzügen erhaltene Altstadt. Sein nach Symmetrie und geraden Linien strebender Baumeister Julius Ludwig Rothweil (ca. 1675 – 1770) legte von dieser Maueröffnung aus die „Neue Schlossgasse“ an, deren Namen im Volksmund von Anfang an nur die „Neu Gass“ war. Breit und repräsentativ gestaltet führte er sie auf den für große Empfänge bestens geeigneten Schlossplatz schräg gegenüber des Haupteingangs in das Schloss.


Neugasse entwickelte sich zu der wirtschaftlich bedeutendsten Straße der Stadt


Die Bebauung der Straße begann 1705 mit den beiden Eckhäusern im Eingangsbereich durch den Posthalter L.W.Groß als Poststation Weilburgs, bis sie 1787 an den Postplatz verlegt wurde. Die weiteren Häuser folgten in kurzer Zeit und die „Neugasse“ – wie sie 1862 offiziell benannt wurde – entwickelte sich zu der wirtschaftlich bedeutendsten Straße der Stadt. Ich darf hier auf einige markante Namen der Vergangenheit hinweisen, ohne dabei Anspruch auf Vollständigkeit oder Wertigkeit zu erheben. Es gab hier die zwei über Jahrzehnte führenden Hotels Weilburgs, „Hotel zur Traube“ im ehemaligen Postgebäude an der Ecke zur Mauerstraße und das „Hotel Deutsches Haus“ in dem als Regierungsgebäude erbauten Haus Nr.8. Weiterhin siedelten sich zahlreiche Geschäfte an. Im Eckhaus gegenüber der „Traube“ konnte man „Manufakturwaren“ kaufen, im Nachbarhaus war die Seifensiederei der Familie Fernau seit mehreren Generationen. Das „Kaufhaus“ Reeh, die Buchhandlung Diesterweg als Nachfolger der Druckerei Lanz, das Textilhaus Schepp, die Metzgerei Brinkmann, später Koch, die Bäckerei Abbel, später Schlicht und als Vertreter der Medizin Hofrat Dr. Büsgen seien beispielhaft genannt.


Heute ist die Straße eine verkehrsberuhigte Zone,


an deren Rand in den Sommermonaten Touristen und einheimische Gäste bewirtet werden. Die Bausubstanz wurde auf der rechten Seite im vergangenen Jahrhundert stark verändert, wogegen sie links wenigstens in den Obergeschossen weitgehend erhalten blieb, was insbesondere auf Luftaufnahmen schön zu erkennen ist. Zu erwähnen bleibt noch, dass auf dem Kanapee unterhalb des Spielmann-Denkmals eine dem gesamten Plateau den Namen gebende Rasenbank in Form eines „Kanapees“ angelegt wurde, von der aus man den direkten Blick durch die Neugasse auf den halbrunden Turmvorbau des Schlosses hat.


Quellen:

  • Dr. Heinrich Schwing: Der Graf und sein Baumeister in Heimat an Lahn und Dill, Nr. 49-51
  • Weilburg Lexikon, Magistrat der Stadt Weilburg 2006,
  • Weilburg wie es früher war, Geschichtsverein Weilburg 2001



Volker Vömel (Geschichtsverein Weilburg) für das Seniorenblatt der Stadt Weilburg an der Lahn


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